«Der falsche Schluss, den ein Europäer aus der Vergangenheitsbewältigung ziehen könnte, ist dass wir etwas Besseres sind»


Roger Köppel, Eigentümer und Chefredakteur der «Die Weltwoche», über Russland, westliche Arroganz, die Gefahr eines Weltkriegs und die falschen Lehren, die die Deutschen aus der Geschichte gezogen haben. Teil zwei Teil eins hier Ich finde das überhaupt nichts positives was da jetzt passiert in Deutschland. Nicht, weil ich für eine nicht Aufarbeitung der Vergangenheit wäre. Ganz im Gegenteil. Ich finde es hochgradig wichtig, dass wir diese Lektion der 12 Jahre –1933 bis 1945 – uns immer wieder vor Augen führen als schlimmste bis jetzt erlebte, zumindest im überblickbaren Zeitraum schlimmste übererlebte verbrecherische Höllensturzentwicklung eines zivilisierten Landes aufgrund der totalen Verblendung der Regierenden und aufgrund der Tatsache, dass es diesen Regierenden gelungen ist, sich von jeder der demokratischen Kontrolle zu befreien, auch und gerade unter Mithilfe der Berufspolitikerklasse in der Weimarer Republik.

Nicht das deutsche Volk hat diese Diktatur gewählt, diese Diktatur installiert. Es war das deutsche Parlament, das dann mit dem Ermächtigungsgesetz 1933 am 24. März dieser Regierung Hitler alle Vollmachten in die Hand gegeben hat und damit natürlich auch die Tore zur Hölle aufgestoßen hat, zu einer Hölle, in der dann ganz Deutschland kontaminiert wurde und in einer Hölle, in der dann natürlich auch das deutsche Volk, und das muss man sehr ernst nehmen, bis heute eine Verantwortung zu tragen hat.

Davon wollen wir nichts abstreichen. Aber meine Befürchtung ist, meine Sorge ist, dass man heute im Begriff ist, aus dieser Zeit falsche Schlüsse zu ziehen, nämlich nicht den Schluss einer Demutserzeugung auch bei uns heutigen, dass wir uns fragen, könnten wir vielleicht auch in unseren Zeiten parallel verschoben, nicht eins zu eins in der gleichen gefährlichen Überheblichkeit angekommen sein, im gleichen Herrenmenschen denken, in der gleichen Geschichtsmythologie, nicht in der Rassenmythologie, aber in der Geschichte zum Fortschrittsmythologie, die eben damals in einem anderen Zusammenhang auf ganz andere Weise ausgelebt, aber nicht auf nur ganz andere Weise, es hat auch Kriege gegeben, dass uns ähnliche Denkmuster heute wieder befallen und dass wir wachsam, also «woked» bleiben sollten im Sinne einer großen Selbstkritik und selber gegenüber.

Aber mein Eindruck ist, dass man diese Gedanken und Vergangenheitsaufarbeitung von früher nicht mit diesem Motiv betreibt, sondern Der Spiegel, Die Süddeutsche Zeitung, all diese Organe, sie bezwecken eben mit dieser Geschichtsaufarbeitung eine Selbsterhöhung der Gegenwart. Und so werden diese Erkenntnisse auch benutzt: «wir sind ja heute die Guten, uns könnte das ja nicht passieren».

Und ich lese gerade in den Darstellungen eines Schauspielers Matthias Neukirch, der heute im Tagesanzeiger, ein deutscher Schauspieler, im Tagesanzeiger zu diesen Vergangenheitsbewältigungskarteien, zu diesen Großelternkarteien, da können Sie eben nachschauen, was Ihr Großvater, ob ihre Großmutter in der NSDAP war.

Er sagt eben: « Jawohl, wir müssen aufpassen auch heute wieder in der deutschen Innenpolitik und mit diesem russischen Angriffskrieg. Also quasi, wenn wir heute gegen Putin stehen, «diesen Nazi», «diesen neuen Hitler», das ist da der Film, der abläuft, dann erfüllen wir den Auftrag der Geschichte, dann sind wir wachsam». Und das ist genau der falsche Schluss, den man aus dieser Vergangenheitsbewältigung ziehen muss und ziehen sollte, nämlich den Schluss, dass wir etwas Besseres sind. Der richtige Schluss ist, dass der Mensch gefährdet ist, dass er verführbar ist, dass er auch heute verführbar ist und vor allem eben auch verführbar, wenn er sich dispensiert von der Demokratie, wenn er anfängt Parteien und die ihre Wähler zu diskriminieren, wenn er ihnen die demokratischen Rechte absprechen möchte, Sprichwort «AfD», oder wenn er sagt, wir stehen da gegen Russland im Kampf gegen das absolute Böse und dann eben eine Politik vorantreibt, die aus dem Geist der Rechthaberei einen großen Krieg in Europa wieder heraufbeschwören könnt. Also, das sind die Themen, mit denen ich mich da intensiv beschäftigt habe und jetzt auch wieder beschäftige.

«Analyse zur NS-Aufarbeitung. Deutsche Nachfahren stellen sich der unbequemen Wahrheit, – schreibt der Tagesanzeige, – Die Enkelgeneration erforscht digital die NS-Verstrickungen ihrer Großeltern. Das verändert den Blick auf die Geschichte und die Gegenwart».

Ich habe es bereits gesagt: so wie die Übung heute läuft, würde ich sie abbrechen. Ist sie nicht von gutem, führt sie nämlich nicht zu dieser Demut. Aufpassen, auch wir könnten von Allmachts Fantasien und Mythen verführt werden. z.B. von Mythos der Unfehlbarkeit, dass wir im Ukrainekrieg auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, dass wir die Motive der anderen Seite weder ernst nehmen noch diskutieren und dass wir uns deswegen auf einer geraten Strecke in eine neuerliche Katastrophe befinden.

Ich glaube, so ein Denken wird befördert durch diese Art von Geschichtsaufarbeitung, die jetzt betrieben wird und so wie sie betrieben wird, eine Art Stimulanz für die Arroganz der heutigen, die sich dann einbilden, etwas Besseres zu sein als die früheren Generationen und das Beunruhigende an der Nazizeit ist, und das hat mich immer fasziniert und auch zutiefst verstört, wie sich dieses Böse, Böse definiert als absoluter Missbrauch von Macht, wie sich dieses Böse artikulieren und verbreiten konnte. Das ist das Unheimliche.

Und ich habe das einmal studiert an der anhand von Biografien einiger führender Nazis. Und da ist mir aufgefallen z.B. wie eine Person wie dieser Hermann Göring, der ja ein Kriegsheld des ersten Weltkriegs war, übrigens auch sehr beliebt bei den Engländern – eine interessante Biografie – am Schluss dann diese groteske operettenhafte Uniforms Selbstinszenierung natürlich auch verstrickt in Nürnberg verurteilt da vieles abgestritten, aber offensichtlich auch ganz tief drin in diesem Verbrechen.

Aber dieser Hermann Göring und das hat man dann herausgefunden, das kommt jetzt auch zum Tragen in diesem neuen Film mit Russell Crow, war ein hochintelligenter Mann mit einem hohen IQ. Und jetzt kann man natürlich hochmütig daraus ableiten, ja, hohe Intelligenz schützt nicht davor, Dummheiten zu begehen oder Verbrecher zu werden. Das stimmt, aber es ist noch etwas beunruhigenderes drin, denn es zeigt natürlich, dass auch intelligente kultivierte Deutsche, nicht «Deutsche, die auf einer anderen zivilisatorischen Entwicklungs- und Erkenntnisstufe gestanden haben, die moralisch quasi schlechter gewesen wären als wir».

Nein, es ist eben die Ähnlichkeit, die tiefe Verwandtschaft und die Tatsache, dass die Menschen damals mehr oder weniger gleich waren wie heute und dass wir uns eben ja nicht einbilden dürfen, wir seien etwas Besseres und wir hätten da eben im Drachenblut gebadet und seien immun, das ist gefährlich.

Aber genau diese Einstellung wird da befördert durch diese Umfrage, durch dieses Tool von Spiegel, Zeit und Süddeutsche Zeitung diese Spuren Suche. « Ja, die Mitläufer ermöglichten den Holocaust. Diese Mitläufer und Mitläufer, wir sind ja keine Mitläufer».

Es ist die ganze Sprache ist schon darauf angelegt, dass ich die heutige Generation als etwas Besseres fühlen darf. Nicht allen passt natürlich diese Aufarbeitung, die Höcke ist dieser Welt, diese finsteren Rechtsextremen:

«Das sind die gefährlichen. Wir sind natürlich etwas Besseres. Wir sind die Krone der Schöpfung, der Zivilisation, des guten wen des Rechtmäßigen. Darum dürfen wir auch eine AfD verbieten. Darum ist das, was wir machen mit Russland keineswegs Kriegstreiberei. Der Kriegstreiber ist ja Putin. Wir sind die Friedensapostel.

Darum unterstützen wir natürlich Präsident Selenskyj bei der Eskalation seines Kriegs, z.B. auf Schulen und auf pädagogische Einrichtungen im Osten der Ukraine. Selbstverständlich, das sind ja nur «Kollateralscheiden unseres Guten», während bei den Russen ist natürlich jeder zivile Tote, den sie verursachen, Ausfluss ihrer «verbrecherischen Gesinnung».

Merken Sie etwas? Und diese Aufarbeitung der Nazigeschichte, die kommt eben genau in die gleiche Konstellation hinein. Die dient jetzt der moralischen Aufrüstung, der moralischen Arroganz und Überlegenheitserzeugung. Das ist die Vergangenheitsbewältigungsmäßige Arbeit am Mythos der eigenen Überheblichkeit, die da vollzogen und betrieben wird mit schwerwiegenden Konsequenzen. Originalbeitrag Weltwoche Daily International

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