Einer aktuellen Umfrage zufolge wollen 98 Prozent der in Russland tätigen deutschen Unternehmen dortbleiben. Ein erheblicher Teil von ihnen erwägt zudem neue Investitionen, und zwei Drittel würden eine möglichst baldige Wiederaufnahme russischer Energieimporte unterstützen. Die deutsche Wirtschaft bereitet sich demnach bereits auf die Zeit nach dem Krieg vor. Der zwischen März und Mai erstellte Geschäftsbericht der Deutsch-Russischen Handelskammer liefert eine bemerkenswerte Momentaufnahme davon, wie die deutsche Wirtschaft über den russischen Markt denkt — mehr als vier Jahre nach Beginn der Sanktionspolitik infolge des Ausbruchs des Krieges in der Ukraine. An der Umfrage nahmen 265 Unternehmen teil, davon 167 mit deutscher sowie 23 mit schweizerischer oder österreichischer Mehrheitsbeteiligung. Die Stichprobe spiegelt somit in erster Linie die Haltung der deutschen Geschäftswelt wider.
Das auffälligste Ergebnis ist, dass die in Russland tätigen deutschen Unternehmen keineswegs daran denken, das Land zu verlassen. Nur 2 Prozent der Befragten gaben an, den russischen Markt in naher Zukunft verlassen zu wollen. Demgegenüber beabsichtigen 71 Prozent, ihre derzeitige Tätigkeit unverändert fortzuführen. Das ist ein außerordentlich hoher Anteil, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen Jahren zahlreiche westliche Unternehmen ihren Rückzug oder eine Reduzierung ihrer Aktivitäten angekündigt hatten.
57 Prozent der Befragten zufolge bleibt Russland für ihr Unternehmen weiterhin ein wichtiger oder sehr wichtiger Markt. Das deutet darauf hin, dass ein erheblicher Teil der deutschen Firmen seine Präsenz dort als langfristige Geschäftsstrategie betrachtet. Auch die Investitionsabsichten bestätigen dies: 24 Prozent der Unternehmen planen in den kommenden zwölf Monaten neue Investitionen in Russland. Zwar verharren drei Viertel der Firmen vorerst in einer abwartenden Haltung, doch der Anteil jener, die neue Investitionen erwägen, zeigt, dass sie auf dem Markt weiterhin Wachstumsmöglichkeiten sehen. Das größte Potenzial erkennen sie im IT- und Telekommunikationssektor, den 14 Prozent der Befragten nannten. Es folgen Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie mit 12 Prozent sowie der Energie- und Rohstoffsektor, ebenfalls mit 12 Prozent. Deutsche Unternehmen sehen also vor allem in jenen Bereichen Chancen, in denen Russland infolge der Sanktionen mit erheblichen technologischen Engpässen und Lieferproblemen zu kämpfen hat.
Gleichzeitig bleiben die Exportaussichten verhalten. Nur 5 Prozent der Unternehmen rechnen mit einem Anstieg der Ausfuhren, 9 Prozent erwarten einen Rückgang, während 33 Prozent von Stagnation ausgehen. Besonders bemerkenswert ist, dass 53 Prozent der Befragten überhaupt nicht nach Russland exportieren. Der heutige deutsche Auftritt in Russland beruht also überwiegend auf lokaler Produktion, lokalem Vertrieb oder regionalen Lieferketten.
Ein erheblicher Teil der Unternehmen geht davon aus, dass europäische Firmen nach dem Ende des Krieges auf den russischen Markt zurückkehren werden. Nur eine verschwindend kleine Minderheit glaubt, dass der Rückzug endgültig bleiben wird. Niemandem wird etwas angetan Einer der sensibelsten Teile des Berichts betrifft die Frage der Zusammenarbeit im Energiebereich. 65 Prozent der befragten Unternehmen unterstützen nämlich die Wiederherstellung der energetischen Zusammenarbeit mit Russland. Diese Firmen wünschen sich, dass Deutschland die Einfuhr von russischem Öl und Erdgas so bald wie möglich wieder aufnimmt. 31 Prozent der Befragten würden dies jedoch an ein mögliches russisch-ukrainisches Waffenstillstandsabkommen knüpfen. In der gesamten Stichprobe lehnen lediglich 4 Prozent eine Wiederaufnahme der Energieimporte kategorisch ab.
In den vergangenen Jahren gehörte der Anstieg der Energiepreise zu den größten Problemen der deutschen Industrie. Hinter der Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Branchen, der teilweisen Auslagerung der Produktion und der Schwäche der deutschen Industrieproduktion steht nach Ansicht vieler Wirtschaftsteilnehmer unmittelbar der Verlust günstiger russischer Energie.
Aus der Umfrage geht hervor, dass das Hauptproblem der deutschen Unternehmen nicht in den Maßnahmen der russischen Regierung liegt, sondern im westlichen Sanktionsumfeld. 58 Prozent der Befragten — bei den Unternehmen in deutschem Eigentum sogar 61 Prozent — erklärten, die Sanktionen hätten starke oder sehr starke negative Auswirkungen auf ihre Tätigkeit gehabt. Nur 31 Prozent sprachen von begrenzten Auswirkungen, und lediglich 8 Prozent gaben an, dass die Sanktionen ihr Unternehmen überhaupt nicht betroffen hätten.
Aus dieser Perspektive ist das Ausmaß der finanziellen Verluste besonders interessant. 81 Prozent der Unternehmen berichteten von solchen Verlusten: 20 Prozent der Befragten erlitten Einbußen zwischen 100.000 und 1 Million Euro, weitere 20 Prozent nannten Verluste zwischen 1 und 10 Millionen Euro. Ein kleiner Kreis berichtete jedoch bereits von Verlusten in Milliardenhöhe. 36 Prozent der Unternehmen sind der Ansicht, dass die Sanktionen Deutschland größeren Schaden zugefügt haben als Russland, und nur 8 Prozent glauben das Gegenteil. Die relative Mehrheit von 56 Prozent urteilt, dass die Beschränkungen beide Seiten in ähnlichem Maße getroffen haben.
Unter den russischen Regulierungsmaßnahmen stellten die Einschränkungen bei Dividendenzahlungen für die Unternehmen die größte Herausforderung dar; 32 Prozent der Befragten nannten diesen Punkt. Es folgten Vorgaben im Zusammenhang mit Änderungen der Eigentümerstrukturen mit 22 Prozent.
Entgegen den in westlichen Medien häufig auftauchenden Behauptungen zeigt die Umfrage keine breite Welle russischer Enteignungen oder feindlicher Übernahmen. 96 Prozent der Unternehmen haben keinen solchen Versuch erlebt. Nur 4 Prozent berichteten von feindlichen Schritten seitens ihrer Wettbewerber, und lediglich 2 Prozent erwähnten Fälle, die mit staatlichen Strukturen in Verbindung gebracht wurden.
Derzeit sind rund 1.600 deutsche Unternehmen in Russland tätig, und das Vermögen deutscher Firmen dort übersteigt 100 Milliarden Euro.
Dies stellt eine wirtschaftliche Präsenz dar, die ein erheblicher Teil der deutschen Geschäftswelt nicht aufgeben möchte. Die Kammer, die die Umfrage durchführte, brachte die Schlussfolgerung am knappsten auf den Punkt: Die deutschen Wirtschaftskreise wollen den russischen Markt nicht vollständig chinesischen und anderen asiatischen Unternehmen überlassen. Sie wollen bleiben. Originalbeitrag: Makronom